Dämmerung. Viertel vor sechs, ein Tag zwischen Dienstag und Sonntag. Die Stadt präsentiert sich mit Feierabendgesicht. An der Galerie Hippopotamus eilen die Passanten vorbei und auf der Klybeckstrasse brummt der Feierabendverkehr. In regelmässigen Abständen braust ein Tram vorbei; einmal von Links und einmal von Rechts.
Mit fortschreitender Dämmerung um punkt 18.00 Uhr, werden in den beiden Galeriefenstern überraschend zwei grosse Gesichter sichtbar. Die Bewegungen auf den Gesichtern sind verträumt und sanft, manchmal hektisch. Die abgebildeten Personen scheinen zeitweise die vorbeigehenden Passanten anzusehen, dann versinken sie wieder ganz in sich. Manchmal schliessen sie die Augen.
Das Innere der Galerie tritt als weisser Raum in Erscheinung. Die linke Raumhälfte wird von einer Konstruktion aus zwei grossen, sich überschneidenden Pyramiden bestimmt. Die Masse der beiden Fenster aufnehmend, verläuft der eine parallel zur Kandererstrasse, der andere parallel zur Klybeckstrasse. An ihren Schnittstellen ergibt sich eine gemeinsame Kammer. An der Spitze der horizontal in den Raum greifenden Pyramiden ist jeweils ein Projektor situiert. Von dort werden die von Aussen sichtbaren Gesichter mit einer Rückprojektion auf die mit blickdichter Folie versehenen Fenster übertragen. Zudem sind im Innern des Galerieraumes undefinierbare Geräusche hörbar.
Verantwortlich für diese Installation zeigt sich das junge Künstlerduo Florine Leoni und Michael Wojnar. Die Mixmedia- Installation wurde von ihnen spezifisch für die Galerie Hippopotamus entwickelt und realisiert. Wie bereits in ihrem gemeinsamen Erstlingswerk «Raum 1», finden auch in «Ein Reiz oder Ähnliches» erneut zwei individuelle Kunstansprüche in einer gelungenen Synthese zusammen. Florine Leonis Interesse für die räumliche Erzeugung von Ausnahmezuständen und Michael Wojnars Anspruch, mit seinem künstlerischen Schaffen gesellschaftliche Werte kritisch infrage zu stellen, verschmelzen zu einer facettenreichen Einheit.
Die für die Passanten sichtbaren, bewegten Bilder erzeugen einen ausdrucksstarken Kontrast zum hektischen Treiben entlang der Klybeckstrasse. Mit der Fokussierung auf die Gesichter der beiden Individuen werden feinste, emotionale Regungen sichtbar und ein packender Einblick in das Innere der abgebildeten Personen wird vorgeführt. Der in sich gekehrte Ausdruck in den Gesichtern lässt die bewegten Bilder ruhig und besinnlich wirken. Ein Moment höchster Konzentration und Stille wird evoziert. Diese ambivalente Spannung hinterfragt die grossformatigen, oberflächlich reizvollen Werbeplakate kritisch.
Der visuelle Reiz von Aussen, wird durch die sinnlich-räumliche Erfahrung im Inneren ergänzt. Die Lichtkegel der von Aussen sichtbaren Rückprojektionen sind weiss ummantelt und die Projektoren als Ursprung des Komplexes erkennbar. Das ummantelnde skulpturale Element stellt einerseits die Projektionen als intim und schützenswert dar. Anderseits fokussiert es durch seine in den Raum ausgerichteten Spitzen den Galeriebesucher. In diesem Wechselspiel zwischen einem tiefen Inneren - dem Lichtkegel der Projektionen - und einem zugänglichen Innen - der Galerie - kommt ein Spannungsmoment zustande, der mit der akustischen Komponente der Mixmedia-Installation noch verstärkt wird. Die akustische Bespielung des Raumes erfordert die Aufmerksamkeit eines weiteren Sinnes. Für einmal wird die Konzentration auf den Hörsinn, anstelle des meist überreizten Sehsinns, eingefordert. Mit der Ausblendung visueller Reize und der Beanspruchung eines im Alltag eher zurückgestellten Sinnes wird vom Besucher Konzentration und Anspannung gewünscht. Jeder einzelne wird dazu angehalten in sich selbst zu gehen.
Aus einer inszenierten Situation selbstbezüglicher Konzentration und Anspannung ist auch die Geräuschekulisse im Innern der Galerie entstanden. Die kontemplative Auseinandersetzung mit einer Erfahrung ist somit Teil wie auch Schlüssel der Installation selbst.
Andrea Giger – Noëmi Leemann |